DAM Pilotmissionen: Ausschluss mobiler, grundberührender Fischerei in Schutzgebieten der Deutschen AWZ von Nord- und Ostsee (MGF-Nordsee und MGF-Ostsee)

In der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) von Nord- und Ostsee befinden sich zehn Natura 2000 Gebiete. Unter diesem Begriff versteht man ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieteninnerhalb der Europäischen Union. Zusammen mit der Vogelschutzrichtlinie regelt die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie in den Natura 2000 Gebieten den Schutz von gefährdeten wildlebenden Pflanzen und Tieren in ihren natürlichen Lebensräumen. Seit September 2017 sind die zehn marinen Natura 2000 Gebiete der AWZ durch sechs Schutzgebietsverordnungen national als Naturschutzgebiete unter Schutz gestellt. Naturschutzgebiete im Meer werden international als Meeresschutzgebiete (Marine Protected Areas – MPA) gemeldet. Insgesamt umfassen die MPAs „Doggerbank“, „Borkum Riffgrund“ und „Sylter Außenriff –  Östliche Deutsche Bucht“ eine Fläche von 7.920 km² und damit ca. 28 Prozent der AWZ der Nordsee. Die MPAs in der AWZ der Ostsee „Fehmarnbelt“, „Kadetrinne“ und „Pommersche Bucht – Rönnebank“ haben zusammen eine Fläche von 2472 km². Dies sind bereits etwa 55% Prozent der sehr viel kleineren AWZ der Ostsee.

Nutzung von Marine Protected Areas

MPAs bedürfen einer Steuerung der Meeresnutzungen, wie etwa Freizeitfischerei und kommerzielle Fischerei, durch Managementpläne, in denen Schutzmaßnahmen und deren Umsetzung aufgeführt sind. Schutzmaßnahmen in MPAs sind weltweit nicht einheitlich geregelt, folgen aber in Europa einem vorgegebenen Rechtsrahmen. Generell sind Nutzungen in MPAs zulässig, wenn sie dem Erreichen der gebietsspezifisch festgelegten Schutzziele nicht im Wege stehen. Im Ergebnis werden daher in manchen Gebieten Nutzungen wie Fischerei nicht geregelt, begrenzt oder Schonzeiten verhängt, in anderen herrscht wiederum ein komplettes Fangverbot. Für die Umsetzung in den Natura 2000 Gebieten innerhalb der AWZ ist in Deutschland der Bund zuständig - vertreten durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU); wobei das BfN direkt verantwortlich für die Umsetzung der Managementpläne der Schutzgebiete in der AWZ ist. Die Umsetzung der eigentlichen Schutzmaßnahmen erfolgt in der Zuständigkeit der jeweils dafür zuständigen Behörden (https://www.bfn.de/themen/meeresnaturschutz/nationale-meeresschutzgebiete.html). Die Managementpläne für die drei MPAs in der AWZ der Nordsee sind im Mai 2020 in Kraft getreten, während die Ostsee-MPAs in sogenannten Beteiligungs-Verfahren sind.

Einfluss von mobiler, grundberührender Fischerei

Bei der sogenannten mobilen grundberührenden Fischerei (MGF) werden häufig Grundschleppnetze eingesetzt. Auswirkungen auf Meeresökosysteme haben vor allem deren Scherbretter, welche dazu dienen das Netz horizontal offen zu halten. Scherbretter pflügen durch das Sediment und haben dadurch negative Auswirkungen auf die Sedimente und Organismen am Meeresboden. Daher soll diese Fischereimethode in den deutschen und europäischen MPAs in den kommenden Jahren zumindest in Teilen der MPAs ausgeschlossen werden. Die Verhandlungen zum Ausschluss von MGF finden aktuell im Rahmen der europäischen gemeinsamen Fischereipolitik auf EU-Ebene und in Absprache mit den Nachbarstaaten statt.

Unsere Forschung

In den Forschungsprojekten MGF-Nordsee und MGF-Ostsee bietet sich nun die einmalige Gelegenheit, zu verfolgen, wie sich durch menschliche Nutzung stark beeinflusste benthische Habitate nach zukünftigem Ausschluss von MGF entwickeln. Hierzu wird zunächst der aktuelle Zustand der Gebiete als Referenz untersucht und dokumentiert, um danach zu verfolgen, wie sich Lebensgemeinschaften, Meeresbodenmorphologie, Biogeochemie der Meeressedimente und Austauschprozesse zwischen Sediment und Wassersäule ohne weitere Störungen entwickeln. Solche Einflüsse auf MPAs und marine Ökosysteme sind bisher kaum untersucht und die Ergebnisse bieten eine wichtige Grundlage für ein zukünftiges, angepasstes Management der Schutzgebiete in Nord- und Ostsee.

Die in den Projekten geplanten wissenschaftlichen Arbeiten verfolgen einen modernen, ganzheitlichen Ansatz, der alle Bestandteile des Ökosystems einbezieht, um die Folgen eines MGF-Ausschlusses abschätzen zu können. Die Daten der ersten Aufnahmen sollen die Basis des zukünftigen Monitorings in den Gebieten sein, mit dem Statusveränderungen rechtzeitig erkannt und ggf. Gegenmaßnahmen bzw. weitere Schutzmaßnahmen ergriffen werden können.

Schutz und nachhaltige Nutzung mariner Räume

Die Pilotmissionen, die in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) erfolgen, sind Teil der Forschungsmission „Schutz und nachhaltige Nutzung mariner Räume“ der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM). Die DAM verbindet 19 führende deutsche Meeresforschungseinrichtungen mit dem Ziel, den nachhaltigen Umgang mit den Küsten, Meeren und Ozeanen durch Forschung, Datenmanagement und Digitalisierung, Infrastrukturen und Transfer zu stärken. Dafür erarbeitet die DAM gemeinsam mit ihren Mitgliedseinrichtungen lösungsorientiertes Wissen und vermittelt Handlungsoptionen in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Sie wird gefördert durch den Bund und die norddeutschen Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.