Der HIPP27 HUMAN PROGRESS Call untersucht, wie Erkenntnisse aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zur Forschung in den Naturwissenschaften beitragen und dabei helfen können, komplexe Umweltprobleme anzugehen.
Doch was bedeutet HUMAN PROGRESS eigentlich? Wir haben mit dem Koordinator des Projekts, Prof. Dr. Thilo Gross, über die Idee hinter dem Call, Interdisziplinarität und die Wirkung gesprochen, die das Projekt erzielen möchte.
Wofür steht HUMAN PROGRESS?
Thilo Gross: Der Name HUMAN PROGRESS soll Diskussionen anstoßen. Er verbindet das Wort HUMAN, das für unser Bedürfnis steht, Menschen besser zu verstehen, mit dem Begriff PROGRESS, der im naturwissenschaftlichen Denken allgegenwärtig ist. Für uns bedeutet Human Progress, Fortschritte zu machen, indem wir Menschen besser verstehen (wie sie die Umwelt beeinflussen, Daten sammeln, Narrative konstruieren usw.). Gleichzeitig erinnert uns der Begriff daran zu fragen, welchen Menschen der Fortschritt dient, den wir schaffen, und vielleicht auch, wer negativ davon betroffen ist.
Das Projekt möchte Interdisziplinarität fördern, die für die Meereswissenschaften essenziell ist. Was genau meinen Sie damit im Forschungsalltag und wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Thilo Gross: Jede wissenschaftliche Disziplin verfügt über einen Methodenkanon und wählt ihre Fragestellungen entsprechend aus. Wir werden darauf trainiert, Probleme zu erkennen, für die unsere Methoden geeignet sind, und betrachten diese Probleme als lohnende Ziele unserer Aufmerksamkeit. Wenn wir auf ein Problem stoßen, für das wir nicht die richtigen Werkzeuge haben, ist es leicht, es als unlösbar, langweilig oder nicht beachtenswert abzutun. Daraus entsteht das größte Problem interdisziplinärer Forschung: sich darauf zu einigen, was überhaupt ein spannendes Problem ist und welche Maßstäbe für Erfolg gelten. Dieses Hindernis kann überwunden werden, indem man gegenseitige Wertschätzung entwickelt und anerkennt, dass beispielsweise die heutige Geschichtswissenschaft genauso fortgeschritten und anspruchsvoll ist wie die moderne Kernphysik. Sobald diese Wertschätzung vorhanden ist, erkennt man, dass alle anderen Disziplinen über ihre eigenen hochentwickelten Methoden verfügen, die es ermöglichen, völlig andere Arten von Fragen zu beantworten. Und natürlich werden die Fragen, die diese Methoden adressieren, plötzlich faszinierend, sobald man die Methoden kennt – und die Welt füllt sich mit Staunen.
Könnte die Integration sozialwissenschaftlicher Daten in wissenschaftliche Modelle dazu führen, dass komplexe gesellschaftliche Dynamiken vereinfacht werden? Wie kann man dem entgegenwirken?
Thilo Gross: Zu vereinfachen ist gut. Wir erstellen Modelle, weil die Welt zu kompliziert ist. Wenn wir die Modelle zu kompliziert machen, können wir sie nicht mehr richtig analysieren. Wenn man etwas zu stark vereinfacht und das Modell trotzdem etwas richtig macht, hat man wahrscheinlich ein grundlegendes Prinzip entdeckt. Das zeigt allerdings zunächst nur, dass die eigene Intuition von Anfang an gut war. Wenn ein Modell scheitert und gleichzeitig einfach genug ist, kann man dieses Scheitern analysieren. Dadurch gewinnt man neue Erkenntnisse und verbessert seine Intuition. So machen wir Fortschritte. Modelle sind in erster Linie Denkwerkzeuge, und sie funktionieren meist dadurch, dass sie scheitern. Deshalb müssen Modelliererinnen und Modellierer mit Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenarbeiten: Sie helfen uns, unsere Modelle auf neue Weise zu kritisieren. So können wir häufiger falsch liegen und schneller Fortschritte machen.
Der Erfolg des Projekts wird daran gemessen, ob es einen „nachweisbaren Einfluss auf die Forschung in den Naturwissenschaften“ hat. Wie definieren Sie diesen Einfluss – und liegt er eher innerhalb der Wissenschaft oder in Gesellschaft und Politik?
Thilo Gross: In der wissenschaftlichen Forschung. Momentan leiden die Naturwissenschaften darunter, dass sie nicht genügend Impulse aus den Sozial- und Geisteswissenschaften erhalten. Das ist eine radikale Idee, oder? Es gibt eine Trennung zwischen den MINT-Fächern auf der einen Seite und den Sozial- und Geisteswissenschaften auf der anderen. Diese Trennung war im 19. Jahrhundert sinnvoll, als die Disziplinen ihre Grundlagen entwickelten. Um die Grundlagen der Ökologie zu entdecken, war es sinnvoll, unberührte Natur fernab menschlicher Einflüsse zu untersuchen. Heute besteht jedoch ein dringender Bedarf zu verstehen, wie Natur in Systemen überlebt, die stark vom Menschen beeinflusst werden. Das macht es notwendig, menschliches Verhalten und menschliche Entscheidungsfindung in unser Denken einzubeziehen. Zudem umfassen unsere längsten ökologischen Datensätze nur einige Jahrzehnte, während Menschen Beobachtungen der Natur seit Jahrtausenden dokumentieren. Diese Daten werden in der Ökologie bisher kaum genutzt, weil sie von den Wahrnehmungen ihrer jeweiligen Zeit geprägt sind. Wir können sie jedoch erschließen, wenn wir mit Historikerinnen und Historikern zusammenarbeiten, die Expertinnen und Experten für diese Wahrnehmungen sind. Selbst in der Mathematik wird Forschung von Menschen betrieben, und die Ergebnisse sind wissenschaftliche Arbeiten, die Narrative für Menschen präsentieren. Menschen besser zu verstehen, wird großen Fortschritt in der Wissenschaft ermöglichen – Human Progress.
